Es war abzusehen: Kaum wirft ein Sport-Großereignis seine Schatten voraus, herrscht Aufregung im Blätterwald, duellieren sich Kolumnisten, stampfen Redakteure ganze Serien aus dem Boden. Die Rede ist nicht von den olympischen Spielen, sondern von der Fußball-EM, von der sich deutsche Medien – wen wundert’s nach „unserem“ Sommermärchen – einiges versprechen. Natürlich wollen auch die Literaturverlage ein Stückchen vom Kuchen abhaben. Fehlpässe sind vorprogrammiert und auch bei dem vorliegenden Band nicht zu vermeiden. Wie schön so ein Fußball-Buch trotzdem gelingen kann, zeigen Ralf Bönt, Albert Ostermaier und Moritz Rinke mit der Mehrzahl der Erzählungen, Gedichte, Fragmente und Glossen, die sie für „Titelkampf“ zusammengetragen haben.
Was genau den Ausschlag gegeben hat, dieses Buch in die Hände zu nehmen, lässt sich nicht mehr mit letzter Sicherheit sagen. War es jugendlicher Übermut? Die Neugierde, ob Sprache selbst ein unliebes Sujet verzaubern kann? (Jorge Valando findet dafür in seinem ansonsten eher dünnen Text einen schönen Satz: „Plötzlich verstand ich, wie sehr für Menschen meiner Generation der Fußball durch das Wort lebt.“) Jene launige Zeit-Glosse, in der Moritz Rinke seine Erlebnisse mit der deutschen Autorennationalmannschaft schilderte? Die Befürchtung, dass eine Pille nicht bloß ein Medikament, dass der Keeper nicht ausschließlich eine Figur aus einem frühen Album der Heavy-Metal-Recken Helloween ist?
Egal, was es war, ist man nach den ersten paar Texten versucht zu rufen, verflucht sei es! Da geriert sich Valdano als kleiner Julio Cortázar, scheut in seiner Hommage an Fußball-Übertragungen im Radio aber den Schritt, Fantasie ähnlich drastisch in Realität umkippen zu lassen, wie der große argentinische Dichter in der fiebrigen Erzählung „Eine Nacht auf dem Rücken“. In der Beschreibung eines Matches kann er mancher Kommentatoren-Legende ohnehin nicht das Wasser reichen. Oder Ror Wolf, dessen Gedichte den Band zwar mit gewitzten Reimen durchziehen, aber nicht ein einziges Mal vor poetischer Wucht schaudern machen.
Doch dann: Spätestens Moritz Rinke kommt über den Leser wie Phönix aus der Asche. Für seine Pool-Novellen, die als Serie im Berliner Tagesspiegel erschienen, begab Rinke sich an den Ursprung des deutschen Sommermärchens 2006. „Monatelang habe ich um diesen Job gekämpft: Poolwächter der deutschen Nationalmannschaft! Schlosshotel Grunewald, Sommer 2006, die WM!“ Schon diesem Auftakt merkt man an: Rinke beherrscht sein Sujet! Seine Kolumnen sind nahe dran am Leben und erspüren selbst in den alltäglichsten Begebenheiten eine erzählenswerte Poesie und Skurrilität. „Kurz vor dem Polenspiel bot mir ein türkischer Gemüsehändler auf der Kastanienallee eine Deutschlandfahne an, erst winkte ich ab, dann fragte er, warum ich denn von einem Türken keine deutsche Fahne nehme?“ Wie Rinke von diesem verminten Satz zurück an seinen Pool und zu kurzen, aber präzisen Reflexionen über Patriotismus und die Bedingungen des Schreibens gelangt, gehört zu den Sternstunden dieses Buches.
In „Das WM-Halbfinale am 4. Juli 2006. Ein Endzeitdrama mit Endnoten“ versieht Florian Werner seine herrlich einfachen Verse mit einer ganzen Heerschar von Anmerkungen, demaskiert die Wut, in jeder Gedichtzeile Tiefsinn und große Bedeutung zu suchen, und führt sie so ad absurdum. Ein Beispiel:
„Getragen von des Adlers Schwingen / Werden wir den Sieg erringen*
* Offenbar bezieht sich der Autor mit diesem einleitenden Couplet auf ein Transparent, welches während des WM-Spiels Deutschland gegen Ecuador am 20. Juni 2006 in der Ostkurve des Berliner Olympiastadions hing. Der darauf wiedergegebene Zweizeiler scheint den Autor tief beeindruckt zu haben, bestimmt seine Form – eine in vierhebigen Paareimen verfasste Tierallegorie – doch den gesamten weiteren Verlauf des Gedichtes. Der im Vers thematisierte Adler […]“
Hans Ulrich Gumbrechts nicht revolutionärer, aber spannender Essay am Ende kann auch als Kommentar zur aktuellen Olympia-Debatte gelesen werden. Sätze wie „Freilich verliert Kompensation ihre kompensatorische Wirkung, sobald sie allzu breite Dimension der Existenz besetzt und nicht mehr die Ausnahme ist.“ ließen sich auch leicht in aktuellen Feuilletons finden, wo unisono betont wird, dass Sport längst nicht mehr bloß die schönste Nebensache der Welt sei. Von hier spannt sich ein Bogen zu „Paradise Now“ einem launigen und sprengkräftigen Zwischenruf des Philosophen und Cicero-Korrespondenten Wolfram Eilenberger, der frappierende Parallelen zwischen dem Paradies des Koran und einer VIP-Lounge aufdeckt.
Ist es also, wie Gumbrecht am Anfang von „Monokultur in Moll. Was Fußball in Deutschland heute ist“ behauptet, tatsächlich selbst für Intellektuelle nicht mehr möglich, keine Meinung zum Fußball zu haben? Doch, sagt Jochen Schmidts Text, in dem Fußball nur ein Anlass ist, um eine melancholische Erzählung zu befeuern, die einem schließlich die Gewissheit schenkt: Es war gut, dieses Buch in die Hände zu nehmen.