Das Herz der Republik Irland schlägt im äußersten Westen: Auf den Aran-Inseln sind die Wiesen grüner, die Felsen schroffer und ist die irische Sprache noch immer im Alltag verankert.
Alles rasselt und klappert, als der betagte Kleinbus um die Ecke biegt, um am Rande des Piers zum Stehen zu kommen. Hektisch stürzen ein Dutzend Tagestouristen auf die Fähre. Einmal hat deren Signalhorn schon das Ablegen angekündigt. Es ist für heute die letzte Gelegenheit, Inis Mor (englisch: Inishmore) zu verlassen. Erleichterung zeichnet sich auf den Gesichtern der Ausflügler ab, als sie ihre Plätze an Deck gefunden haben. Dann kehrt wieder Ruhe ein am Kai und in den Straßen von Cill Ronain (englisch: Kilronan), dem Hauptort der irischen Insel.
Nur wenige Insulaner arbeiten hier noch als Fischer, Bauern oder Näherinnen, den in langer Linie tradierten Berufen auf den Aran Islands. Die meisten der gut 1600 Bewohner leben inzwischen vom Tourismus, jagen mit kleinen Bussen in mitunter halsbrecherischer Fahrt über schmale Straßen, die man in Deutschland Feldweg nennen würde, und zeigen den Tagesgästen in der gebotenen Eile die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Insel. Wer behauptet da eigentlich noch, nur Südländer hätten einen mutigen Fahrstil?
Seit einiger Zeit wirkt die Fluggesellschaft Aer Arann Islands dem Inselkoller entgegen. In der Hochsaison verkehrt sie mehrmals täglich zwischen den drei Inseln und dem Festland. Damit beraubt man sich allerdings der Chance, die Aran-Inseln so am Horizont auftauchen zu sehen, wie ihre schreibenden Besucher sie erlebten: „Nichts“, meint Arthur Symons, der mit seinem Dichter- und Celtic-Revival-Kollegen William Butler Yeats nach Inis Mor kam, „ist mysteriöser als der erste Blick auf ein Eiland.“ James Joyce notiert für eine Triester Zeitung: „Die heilige Insel schläft wie ein großer Hai inmitten des Atlantischen Ozeans.“
Was, fragt sich Breandan O’Heithir, ein auf Aran geborener Journalist, zog all diese Menschen auf die Inseln? Wer vom Fenster des Pier-Gasthauses – Hotels sind nicht einmal auf der Hauptinsel Inis Mor zu finden – auf den weißen Strand, die schmale Straße, den verwaisten Schiffsanleger, die aus dunklen, kaum behauenen oder strahlend weißen Steinen gebauten Häuser blickt, empfindet diese Frage beinahe als anmaßend. Was braucht es schon mehr?
Der selbst in den Sommermonaten mächtige Wind bringt das freistehende Pier House zum Ächzen, als befände man sich in Yorkshire auf Emily Brontës „Wuthering Heights“. Um die großen Bierdosen zu kühlen, genügt es, sie draußen auf der Fensterbank zu lagern. Einen „Hangover“ braucht hier ohnehin niemand zu fürchten: Als die nette und natürlich rothaarige Wirtin nach dem Frühstück fragt, werden die aus der Studentenstadt Galway für Wartungsarbeiten herübergekommenen Angestellten des lokalen Stromnetzbetreibers hellhörig. Jetzt bloß nichts Falsches sagen, denkt man noch und hört sich im Brustton der Überzeugung das einen ausgewachsenen Elefanten durch den Tag bringende „Full Irish Breakfast“ bestellen. Die Arbeiter schlagen synchron ihre Zeitungen um. Das ist also gutgegangen.
Um für das Frühstück schon am Abend Platz zu schaffen, empfiehlt sich ein Spaziergang zur Dun Duchathair, der schwarzen Festung, die etwa zwei Kilometer von Cill Ronain entfernt am Rande schwarzer Klippen liegt. Störche nisten in den Felsspalten, die den kalkgrauen, wilden Pfad zu beiden Seiten säumen. Das Gras wirkt grüner, die Steine noch schroffer als drüben in der für ihre Ursprünglichkeit bekannten Steinwüste Burren. Die Irische See lässt ununterbrochen wütende Wellen gegen die steil ins Wasser abfallenden Klippen donnern. Die Möwen schreien, als hätten sie den Fels vor seiner Erosion zu bewahren. Der aber verharrt unbeeindruckt in der Brandung.
Wäre das nicht ein widersinniger Gedanke, würde man sich so die absolute Stille vorstellen. Wobei: Bei dem niederländischen Schriftsteller Cees Nooteboom sind alle nicht von Menschen oder Maschinen erzeugten Geräusche in der Tat Nuancen der Stille. Inis Mor ist in dieser Hinsicht die Quintessenz Irlands. Eines Irlands, wie es vielleicht einmal war, bevor die Wirtschaft des keltischen Tigers zum großen Sprung ansetzte, eines Irlands, wie es so viele Rucksackreisende immer wieder in Dublin, Limerick und Cork zu finden hoffen und enttäuscht werden.
Dass es dieses traditionelle Irland in modernen Städten schwerhat, weiß auch Alan Averill Nemtheanga. Er ist einer jener jungen Iren, für die ein gesunder Nationalstolz zum Selbstverständnis gehört. Als Sänger einer in Dublin ansässigen Heavy-Metal-Band fühlt er sich den irischen Musikern verwandt, die unter britischer Besatzung mit Feder und Flöte für eine unabhängige Republik einstanden. Wenn er des Molochs Dublin überdrüssig ist, zieht es ihn zum Hill of Tara, dem Sitz des mythischen irischen Hochkönigs, oder an die Westküste, in die sogenannten Gaeltacht Areas, in denen Irisch noch einen festen Platz im Alltag hat.
Deren Sprachenzentrum im County Galway könnten Oileain Arann, die Aran-Inseln, sein. „In der Schule wurde und wird Irisch unterrichtet“, erinnert sich Nemtheanga. „Wenn ich mich heute in der Sprache unterhalten sollte, wäre das allerdings wie eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt.“ „Und haben Sie nicht Ihre eigene Sprache – das Irische –, mit der Sie in Berührung bleiben sollten?“, fragt Fräulein Ivors in James Joyce’ Erzählung „Die Toten“ Gabriel, um ihn von einer Fahrradtour durch Deutschland oder Frankreich abzubringen und von einem Urlaub auf Aran zu überzeugen.
Das massive keltische Kreuz vor der sonnengelb gestrichenen American Bar in Cill Ronain ist das Einzige, was an dem Pub Irlandklischees genügt. Tagsüber posieren hier Touristen für Fotos. Am Abend lehnt ein einzelner Raucher an der Hauswand. Kein schrulliger Irish Folk, sondern weichgespülte internationale Popmusik kommt durch die angelehnte Tür. An der Theke halten sich drei in die Jahre gekommene Gestalten an ihren Gedecken fest: große Guinness-Pints und kleine Whiskeygläser.
Nicht die große Hungersnot von 1840 hat auf den Inseln nachhaltig die Bevölkerung dezimiert, sondern die Isolation und die Aussichtslosigkeit. Wer heute nicht vom Tourismus lebt, lässt sich seine Stütze von der örtlichen Polizei auszahlen – und setzt das Gros davon vermutlich in den zähen, schwarzen Gerstensaft um. Ob, grummelt einer, dessen Englisch sich kaum von dem Irisch unterscheidet, in dem eben noch gesprochen wurde, der Anstieg zu Dun Aonghasa schon gewagt worden sei?
Der Weg zum großen Bruder von Dun Duchathair führt vorbei an Tempall an Cheathrair Alainn, der Kirche der vier schönen Heiligen. John Millington Synges Drama „The Well of the Saints“ verhalf dem Bauwerk aus dem 15. Jahrhundert und vor allem dem Brunnen in seiner Nachbarschaft zu literarischer Strahlkraft. Auch wer es prosaischer mag, sollte den Weg nicht scheuen: Pilgerreisende überliefern, der Brunnen könne Augenleiden beseitigen. War es tatsächlich der Blick in den Brunnen oder nur die Landschaft, die sie kurierte? Stundenlang kann man hier zwischen aus Trockenstein aufgeschichteten Feldmauern unterwegs sein, ohne eine Menschenseele zu treffen, kann in eine Natur schauen, die aus einer entfernten Zeit ohne Autos, aber mit Feen und Elfen zu stammen scheint. Auch Dun Aonghasa, hundert Meter über der von oben fast schwarz aussehenden Irischen See gelegen, lässt sich gut mit Mythen- und Märchenwesen bevölkern: Noch immer weiß niemand genau, welchem Zweck diese 3000 Jahre alte, von Aengus und seinen Fir Bolg erbaute Festung ursprünglich dienen sollte.
Für den irischen Hochkönig wäre sie jedenfalls ein majestätischerer und ebenfalls uneinnehmbarer Sitz als Tara gewesen. Zum Meer hin sind die schwarzen Steinmauern heute unterbrochen.
Anders als an der Touristenattraktion Cliffs of Moher schützt an dieser Stelle kein Zaun Waghalsige davor, auf dem Bauch bis an den Abgrund zu robben und einen lebensgefährlichen Blick auf den in der Tiefe tosenden Ozean zu riskieren. Als Arthur Symons von dort aus über die Leere des Meeres blickte, sah er vor seinem inneren Auge Galeeren entstehen, die langhaarige Krieger und Könige von ihren Beutezügen zurück nach Hause brachten. Man fühlt sich an diesem Platz, notiert er, ein wenig wie Homer. Daran hat sich bis heute nichts verändert, selbst wenn ein Pärchen am Rande der Klippen die untergehende Sonne gerade mit der Handykamera einzufangen versucht.
Anreise: Mit Ryanair von Weeze nach Shannon oder von Hahn nach Dublin. Mit Bus oder Zug weiter nach Rossaveal. Von dort aus legen Fähren zu den Aran-Inseln ab.
Übernachtung: Das Pier House in Cill Ronain (Inis Mor) bietet ab 35 Euro pro Person Bed & Breakfast, wunderbar kitschig eingerichtete Zimmer und Meerblick.
Literatur: Cees Nooteboom: „Inseln im atlantischen Nichts. Aran Islands“ in „Eine Karte so groß wie der Kontinent“; Breandan O’Heithir: „An Aran Reader“.
Information: Irland Information, Gutleutstr. 32, 60329 Frankfurt/M., Tel. 069/923 18 50.
Internet: www.aranislands.ie
© Rheinischer Merkur Nr. 31