Welche Literatur Pflichtlektüre ist, wird von Kritikern, Literaturprofessoren und Lehrern ausdauernd diskutiert. Von dem rumänischen Aphoristiker E. M. Cioran liest und hört man dabei leider nur selten. Obwohl es in seinen dunklen Aphorismen vor hellsichtigen Geistesblitzen wimmelt.
Würde man seinen Zettelkasten mit geflügelten Dichterworten nicht alphabetisch oder chronologisch, sondern thematisch aufbauen – die Aphorismen des großen Rumänen Émil Michel Cioran müssten irgendwo zwischen Oscar Wilde und Hermann Hesse kommen. Nicht weil Cioran etwa eine ähnliche poetische, philosophische, weltanschauliche Agenda gehabt hätte. Wie bei einem Mixtape läge der Reiz in der Störung, in der Irritation, für die Cioran in diesem Umfeld sorgen würde. „Und jedem Anfang“, schreibt Hesse in seinem viel zitierten und im Unterricht viel behandelten Gedicht „Stufen“, „wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.“ Vom Zauber der Anfänge will Cioran nichts wissen. Schon der Titel einer seiner Aphorismen-Sammlungen sagt alles: „Vom Nachteil, geboren zu sein“. Darin heißt es: „Alles, was wir erstreben, entspringt dem Bedürfnis, uns zu quälen. Selbst die Suche nach dem Heil ist eine Qual, die subtilste und am besten getarnte.“
Man merkt: Dies hat eine andere Qualität als die schöne Prosa des zweiten pessimistischen Zerstörers, dem der Suhrkamp Verlag einen Band seiner lobenswerten Quarto-Reihe mit Gesamtwerkausgaben widmete. „Die österreichischen Züge sind verwahrlost“, wettert Thomas Bernahrd in „Der Untergeher“. „In den Speisewagen, wenn überhaupt einer mitgeführt wird, bekommt man das schlechteste Essen. […] Die Städte machen, fährt man an ihnen vorbei, einen verkommenen Eindruck, die Bauernhäuser sind alle ruiniert. […] Die Fahrt von Wien nach Linz ist eine Fahrt durch nichts als Gemacklosigkeiten. Von Linz bis Salzburg ist es nicht besser. Und die tiroler Berge bedrücken mich. Voralberg habe ich immer gehaßt, genauso wie die Schweiz, in der der Stumpfsinn zuhause ist […].“ Hier macht sich ein an seiner Umwelt verzweifelnder Geist Luft. Cioran aber ist anders, auch wenn die Forderung, dass Bücher Wunden schlagen und gefährlich sein müssten, von ihm stammt. An dem Rumänen nagt die Verzweiflung spürbar, richtet sich nach innen: „Zwischen Grauen und Ekstase pflege ich einen aktiven Trübsinn“, definiert er, was ihn zum Schreiben treibt. Vergnügen, das stellte der oft Prophet der Bitterkeit genannte Autor bei einem Treffen mit Samuel Beckett klar, spielte dabei keine Rolle.
Cioran wurde am 8. April 1911 in einem Dorf in den Karpathen als Sohn eines griechisch-orthodoxer Priesters geboren. „Der Glaube“, schreibt Cioran später, „dringt tiefer in das Wesen der Dinge ein als die Reflexion. Dem wird etwas fehlen, den die Religion nie gelockt hat. Wissen, was das Gute und Böse ist.“ Und über die „Genesis“: „Das ist umwerfend.“ Trotz dieser Faszination: Den letzten Schritt hin zum wirklichen Glauben hat Cioran nie nehmen können. Nach dem Philosphiestudium ging er nach Paris, wo sich 1937 auch Samuel Beckett endgültig niederließ. Unter Schlafstörungen hatte er da längst zu leiden. Ciorans in „Widersprüchliche Konturen“ erschienene, im vorliegenden Band nachzulesende Würdigung des Nobelpreisträgers, verrät mehr über ihn selbst, als über den irischen Dramatiker: „Ich stamme aus einer Ecke Europas, in der Ausbrüche, Hemmungslosigkeit, Mitteilungsbedürfnis, spontane, nicht erbetene Geständnisse an der Tagesordnung sind […]. Dieses alles würde schon genügen, um zu erklären, warum gerade mich ein so übernatürlich diskreter Mensch faszinieren mußte.“
Schon diese schöne Schilderung zeigt, was Ciorans Philosophieren von dem vieler Kollegen unterscheidet: Bei ihm geht alles von einem sehr konkreten Ich aus. „Meine Fähigkeit, enttäuscht zu werden, übersteigt alle Grenzen.“ „Was ich mit sechzig weiß, …“ „Ich löse mich vom äußeren Schein…“ Anschaulicher als abstrakte Lehrsätze ist das allemal.
Vor wenige Monaten schon tauchte der leider oft sehr stiefmütterlich behandelte Cioran deshalb verdientermaßen bei den Novitäten auf. Im Buchhandel wurde die letzthin vom ehemaligen Suhrkamp- Programmgeschäftsführer Rainer Weiss herausgebrachten „Aufzeichnungen aus Talamanca“ gerne bei Reiseliteratur eingeordnet. Schmunzelnd stellt man sich vor, wie mancher Ibiza-Reisende sich für den Urlaub diesen Philosophen ins Handgepäck nimmt und sich schon den Flug gründlich verhageln lässt: „Nach einer schlaflosen Nacht bin ich nun in ein kleines Haus verbannt, habe Angst, mich der Sonne auszusetzen.“
Es empfiehlt sich, für das nächste Poesiealbum einen dieser wertvollen Cioran-Sätze parat zu haben. Als Störer und Verstörer sind sie mit Gold nicht aufzuwiegen.