Die Haare sind neonpink gefärbt, in den Augen glänzen grüne Kontaktlinsen. Die roten Leuchtionen im Stachelhalsband passen zum Outfit: Die futuristische Anmutung würde manchem Science-Fiction-Film alle Ehre machen, scheint wegen seiner sperrigen Applikationen zum Tanzen aber nicht die optimale Wahl gewesen zu sein. Wer schön sein will, muss leiden: Der Mann rudert mit den Armen in der Luft, vollführt wilde Sprünge, vibriert und zuckt am ganzen Körper. Nicht umsonst heißen Techno-Festivals Rave.
Wer in den bekanntesten dieser Events allerdings auf der Suche nach der Essenz der Musik, der Szene ist, wird ebenso scheitern wie diejenigen, die das Wacken-Festival als Urprungsort und kreatives Kompetenzzentrum des Heavy Metal halten. Nicht erst seit Tobias Rapps Buch „Lost and Sound. Berlin, Techno und der Easyjetset“ weiß man, dass Garagen, Hinterhöfe, Kellergewölbe und Abrisshäuser der fruchtbarste Nährboden für Subkulturen sind. Von den Rändern aus machen sich die Avantgardisten auf, Neues und Unerhörtes auszuprobieren und einzuführen. Wir ahnen also, was folgen wird, wenn der ehemalige Redakteur der taz und nun des Spiegel in seinem kundigen und lesenswerten Vorwort die Stimmen der Popkritiker und Zeitdiagnostiker anklingen lässt, die Techno längst für tot erklärt haben: „Die House- und Technoszene von Berlin“, widerspricht Rapp, „hat die guten Seiten einer Independent-Kultur – ökonomische Unabhängigkeit, künstlerische Integrität, Kompromisslosigkeit – und die schlechten, also verkürzte Kapitalismuskritik, Idealisierung der Selbstausbeutung und Unprofessionalität einfach weggelassen. […] Um die Jahrtausendwende zog sich die Musik in den Underground zurück, um sich zu erneuern.“
Was genau er mit dieser Erneuerung meint, verdeutlicht Rapp am eindringlichsten mit seinen Plattenempfehlungen am Ende des Buches: Dort tummeln sich nämlich weder Westbam noch Marusha, die in den Neunzigern mit einige beachtlichen Chartplatzierungen warben, sondern mit Ricardo Villalobos ein wirklicher Techno-Star und mit Mari Boine eine norwegische Folk- und Jazz-Ikone, deren „Vuoi Vuoi Me“-Platte neue Perspektive auf ihr eigenes Schaffen eröffnete und gleichzeitig neue Klangwelten in den Techno brachte.
Mehr als diese persönliche, im Untertitel „kleine Geschichte des Berliner Sounds der Nuller Jahre“ genannte Hitliste gibt es nicht, um den weniger Techno-affinen Leser an der Hand durch den Begriffsdschungel zu führen. Kein Glossar erklärt, was Techno von House, was Goa von Trance und Ambient, was Deep-House-Groove von Electro oder Minimal unterscheidet. Auch kulturkritische, das Geschehen beleuchtende und einordnende Töne bleiben nach dem Vorwort aus. Rapp geht es mit seinem Buch so, wie der Buchtitel es für die feierfreudigen, die Nächte durchtanzenden Raver verheißt: Er verliert sich.
„Ich könnte einen großen Teil meines Lebens entlang der Läden erzählen, in denen ich meine Nächte verbracht habe“, bekennt der Autor – und nimmt das sogleich zum Anlass, um die Geschichte des Berliner Techno Sounds anhand von Clubs zu rekaptiulieren. Man erfährt da vom Berghain, dessen Name mythisch genug klingt, um Richard-Wagner-Festspielstätte zu werden. Vom Tresor, das im Keller einer ehemaligen Bank eröffnete und kurz nach der Wende Techno in Berlin richtig ins Rollen brachte. Vom Waterfront, über dessen namensgebende Tanzfläche alleine auf den ersten 50 Seiten dreimal zu lesen ist, dass sie auf Höhe des Spreeufers liegt und durch ein großes Glasfenster den Glanz der Wasseroberfläche und des riesigen Universal-Logos am anderen Ufer zum Partyvolk lässt. Das kommt, der Buchtitel besagt es, mit Billigfliegern aus ganz Europa angereist, will für ein paar Nächte Teil der einmaligen Szene dieser einmaligen Stadt sein und setzt sich deshalb demütig dem willkürlichen Urteil der Türsteher aus. Während Rapp darauf setzt, die Lage der Techno-Tempel so minutiös zu beschreiben, dass sich ein Stadtplan danach zeichnen ließe, ist das Berliner Geschellschaftsmagazin Dummy in einer aktuellen Reportage näher dran an diesem Geschehen, das eigentlich Rapp zu seinem Sujet erklärt hat.
Dass er aber auch anders kann, offenbaren vor allem das Kapitel über Ricardo Villalobos und ein Interview mit der „Ravemutter“ Kerstin (39) und ihrer 19-jährigen Tochter Betty, die mal auf charmante, mal auf drastische Weise schildert, wie im Verhältnis zu ihrer Mutter die Rollen mitunter vertauscht sein können: „Wenn sie [Kerstin] mal wieder besoffen von einer Party nach Hause kam und erst mal gekotzt hat. […] Das fand ich ziemlich scheiße.“ Dass diese qualitativen Verwerfungen die verschieden gewichteten Schlaglichter einer Tagcloud am Ende doch zum perfekten Klappentext für Tobias Rapps schwärmerisches Buch machen, war so vielleicht nicht beabsichtigt.