Als Siebenjähriger war ich im Schlepptau meiner Eltern zum letzten Mal wandern. Jetzt bin ich rund um Oberstdorf unterwegs gewesen – und habe Gefallen daran gefunden.
Staunend blickt der kleine Junge auf das vor ihm liegende Bergpanorama. Die Gondel der Fellhorn-Seilbahn schaukelt kräftig hin und her, während sie auf ihrem Weg nach oben über einen der Stützpfeiler gezogen wird. Ein leises Jauchzen geht durch die Kabine, deren 100 Stehplätze an diesem Morgen gut besetzt sind. Nach vier regenreichen Wochen hat Radio Vorarlberg mit einem angenehmen Sonne-Wolken-Mix bestes Wanderwetter versprochen. „Wir spazieren“, sagt der Vater mit viel Elan zu seinem Sohn, „an der Kanzelwand entlang und nehmen dann den Anstieg Richtung Schafalpenköpfe. Das wird eine schöne Tour!“ Der Junge nickt ergeben. Er ahnt noch nicht, dass ihm ein mehrstündiger Gewaltmarsch bevorsteht.
Was Eltern ihren Kindern antun können: Vor 23 Jahren war ich in der Situation des kleinen Jungen. Widderstein und Gehrachsattel, Söllereck und Breitachklamm – was um Oberstdorf und das Kleinwalsertal Wanderpunkte bringt, habe ich erklettert oder durchquert. Für 224 Punkte heftete man mir die goldene Wandernadel an die Brust. Meiner Vorstellung von Extremsport kam das damals relativ nah, zumal für die Schönheit der Natur noch jeder Sinn fehlte. Danach habe ich Berge nur noch aus dem Flugzeug gesehen, wenn es in den Süden ans Meer ging. Natürlich verrate ich das nicht der freundlichen Verkäuferin, die mich im Outdoor-Laden einkleidet und wissen will, ob meine neuen Wanderschuhe mit verstärkten Seitenwänden, einer abriebfesten Oberfläche und einer Vibram-Sohle ausgestattet sein sollen. Warum mache ich das eigentlich?
Der Einstieg zu meiner grenzüberschreitenden Wandertour liegt knapp 1000 Meter oberhalb von Oberstdorf. Am malerisch gelegenen Schlappoldsee spuckt die Fellhornbahn ihre Passagiere aus. „Vergessen Sie nicht“, ermahnt der Gondelführer beim Hinausgehen in einem nahezu unverständlichen Allgäuer Singsang, „dass es in den höheren Lagen empfindlich kalt sein kann.“ Den eher leicht bekleideten Indonesiern merkt man nicht an, dass sie sich diesen Tipp schon im Tal gewünscht hätten. Mit einem seligen Lächeln arbeiten sie gegen die teilweise in kurzen Hosen steckenden schlotternden Beine an und knipsen Berggipfel, Blumen und friedlich grasende Kühe. „Man sieht, was man sehen will“, hat der große Erzähler Cees Nooteboom mein Problem mit diesem Szenario einmal auf den Punkt gebracht: Wo andere die Stille, die Blütenpracht, die unberührte Natur, die erhabene Landschaft genießen, stellen sich bei mir vor allem Erinnerungen an die Touren im Schlepptau der Eltern ein.
Wenn es jemandem gelingen sollte, mir den Bergmuffel auszutreiben, dann Bergführerin Daniela Schwendinger. Klettern in vereisten Wasserfällen, tagelange Touren zwischen den Gipfeln der Alpen – wo andere konditionell das Handtuch werfen, fängt für sie der Spaß erst an. Deshalb hat Daniela ihre Leidenschaft vor sechs Jahren zum Beruf gemacht. Im 30-köpfigen Team der Kleinwalsertaler Bergschule ist sie eine von vier Frauen, die Wanderer sicher durch alpine Gefahrenzonen navigieren. Dass von denen auch einige auf unserer Strecke lauern, verschweigt Daniela, als sie mit vor Begeisterung leuchtenden Augen unseren Weg skizziert: vorbei an der Bierenwang-Alp, entlang der Kanzelwand, über den Fiderepass, durchs Wildental ins Kleinwalsertal. Man merkt ihr dabei an, dass sie in der Natur zu Hause ist. „Blumen sind Geschöpfe des Lichts“, sagt sie und lässt unbewusst Ralph Waldo Emerson anklingen, der in Blumen das Lächeln der Erde sah.
Bevor die Tourismusbranche vor gut 100 Jahren zum wichtigsten Wirtschaftsfaktor für die Region wurde, arbeiteten die Walser und Oberstdorfer in erster Linie in der Landwirtschaft. Noch heute funktioniert die Verwertungskette vom Erzeuger zum Konsumenten gut, wird Käse- und Weinsommelier Hermann Haller am Abend sagen. Ohne ihre Gästezimmer kämen viele der Landwirte trotzdem nur schwer über die Runden. Dass der Wanderurlaub allmählich zum Skitourismus aufschließt und die Bergwelt sich zum Reiseziel für das ganze Jahr entwickelt, unterstreichen die Outdoorbekleidungs-Hersteller mit ihren neuesten Zahlen: Viele rechnen 2009 mit zweistelligen Zuwächsen.
Daniela freut das natürlich. „Die Leute haben wieder Lust auf Abenteuer und Natur“, meint sie und zeigt ein besonders charmantes Beispiel für die Verknüpfung von Landwirtschaft und Tourismus: Je nach Saison dient ein großer Seitenflügel der Bierenwang-Alp mal als Stall für die auf den umliegenden Wiesen weidenden Kühe und mal als Gastraum für die vorbeiziehenden Reisenden. Mehr ländliches Flair wird in keiner Gaststätte zu finden sein.
Hinter der Alp werden die Anzeichen von Zivilisation weniger. Daniela gibt wegen des allenfalls mäßig ansteigenden Pfads ein strammes Tempo vor. Ich finde schnell den richtigen Tritt und wundere mich, dass mir das Gehen Spaß zu machen beginnt. Vielleicht war die Thoreau-Lektüre ein paar Tage vor der Tour Ansporn genug. Vielleicht sind aber auch die mir unentwegt im Kopf herumspukenden Verse des englischen Romantikers William Wordsworth der richtige Soundtrack für diese Gegend: „Ich wanderte einsam wie eine Wolke,/ die hoch oben dahintreibt über Täler und Hügel,/ als ich ganz plötzlich eine Menge,/ eine Heerschar von goldenen Narzissen sah,/ an dem See, unter den Bäumen,/ und sie flatterten und tanzten in der Brise.“
Von Narzissen fehlt entlang unserer Route jede Spur. Blumen grüßen aber tatsächlich in Heerscharen, während wir den Weg kreuzende Rinnsale und Bäche, verwunschen aussehende Wurzeln und mächtige Steinformationen passieren. Ein Isländer würde in ihnen Trolle erkennen, die dem Sonnenlicht nicht schnell genug entkommen konnten. Daniela weiß, dass diese Felsbrocken einst von den umliegenden Bergen abgebrochen sind. Die Vegetation, die von den fallenden Geschossen zerquetscht worden ist, erobert sich ihr Terrain gerade behutsam zurück und rankt sich über die Kolosse. Unter uns läuten schwach einzelne Kuh- und Ziegenglocken; dichte Wolken und Nebelbänke beginnen nicht nur die Berge zu verhüllen, sondern legen sich wie ein Schleier über diese Geistermusik.
Den Wettervorhersagen, merke ich, kann man in den Bergen genauso wenig trauen wie an der See. Wie aus 20 Grad Celsius plötzlich sieben werden können, soll mir ein Meteorologe aber bitte bei Gelegenheit erklären.
Je höher wir steigen, desto mehr sieht man den Pflanzen ihren Kampf mit dieser harschen Witterung an; manche Blüten und Blätter schützt nach entbehrungsreichen Jahren inzwischen ein pelziger Flaum vor Regen und Wind. „Die Blumen müssen sich hier oben stärker bewähren als im Tal“, bestätigt Daniela, die nicht nur die Heilkräfte aller Gewächse zu kennen scheint, sondern zu vielen kleine zauberhafte Geschichte erzählen kann. Aus Arnika, lernen wir, lassen sich Globuli herstellen und die dunkellila Teufelskralle wirkt entzündungshemmend. „Der gelben Gamswurz werden vitalisierende Kräfte nachgesagt: Jäger sollen sie gegessen haben, um den Gämsen bis in die Berggipfel folgen zu können. Dort ist auch der Gletscherhahnenfuß zu Hause, ein echter Überlebenskünstler, der wegen Schnee, Frost und Wind nur alle drei, vier Jahre Blüten trägt.“
Auf den letzten Metern vor der Fiderepasshütte verwandelt heftiger Regen den Weg in einen Wasserfall. Wer sich bei mehr als 2000 Meter Höhe auf den Blick ins Tal gefreut hat, muss mit der Hand vor Augen vorlieb nehmen. Die Saunatemperaturen im Inneren der Hütte sind aber genau richtig, um die nasse Kleidung zu trocknen. Erstaunlich, wie großartig vergleichsweise einfache Gerichte nach körperlichen Anstrengungen schmecken können.
Der Abstieg bringt uns Stück für Stück der Wärme näher. Daniela vertritt die These, dass 100 Höhenmeter ein Grad Celsius bringen oder kosten, je nach Marschrichtung. Die Sicht bessert sich, und das Wasserrauschen kommt nicht vom Regen, sondern vom Wildental-Wasserfall, der dem idyllisch wirkenden Tal einen touristischen Anziehungspunkt schenkt. Vom Wetter scheint die Pflanzenwelt hier vergleichsweise milde behandelt zu werden. Die Alpenrosen, die vielen Walsern als Vorboten des Sommers gelten, stehen noch stärker in ihrer Blüte als auf der Oberstdorf zugewandten Bergseite.
Was mir denn besonders gut gefallen habe, fragen meine Eltern am Telefon. Die Stille, die Blütenpracht, die unberührte Natur und die erhabene Landschaft, höre ich mich ohne jeden Anflug von Ironie sagen. Die bronzene Wandernadel, die es für die 15 Kilometer lange Tour mit Bergführerin gibt, nehme ich diesmal gern an.
Anreise: Tuifly steuert Memmingen von Berlin, Hamburg und Köln/Bonn aus an.
Unterkunft: Happy-Austria-Hotel im Kleinwalsertal, Von-Klenze-Weg 5, 87569 Mittelberg, Tel. 0043/ 5517/55 51, DZ ab 75 Euro pro Person, inkl. Halbpension.
Geführte Touren: Die Bergschule im Kleinwalsertal (Tel. 0043/5517/302 45) hat für jeden Fitnessgrad ein passendes Angebot.
Auskunft: Tourismus Oberstdorf, Prinzregenten-Platz 1, 87561 Oberstdorf, Tel. 08322/70 00. Kleinwalsertal Tourismus, Im Walserhaus, 87568 Hirschegg, Tel. 0043/5517/511 40.
Internet: http://www.tuifly.de, http://www.happyaustria.at, http://www.bergschule.at, http://www.oberstdorf.de, http://www.kleinwalsertal.com
© Rheinischer Merkur Nr. 33