Die norwegische Band Ulver verbindet Hardrock und Folklore, Profanes und Sakrales. Jahrelang haben die vier Konzerte abgelehnt, jetzt spielen sie in Berlin
Für eine Nacht ist Lillehammer der Nabel der Welt. Aus den USA, aus Japan und Brasilien, aus Australien und Mexiko, aus Deutschland, Italien und Griechenland sind Menschen in das kleine, knapp 30 000 Seelen beherbergende Städtchen gereist. Der Schriftsteller Stig Sæterbakken hat sie nach Norwegen geholt – nicht mit einem seiner Bücher, sondern mit der Verpflichtung einer Musikgruppe für das „Norsk Litteraturfestival“. „Meine Ausdauer ist enorm“, lacht Sæterbakken, der bis Ende 2008 für das Programm des größten nordischen Literaturfestivals verantwortlich war. Ein halbes Jahr lang habe er mit Ulver (dt. Wölfe) über ihren Auftritt verhandeln müssen, bis endlich die Zusage kam: Ja, wir machen das!
Selbst Kristoffer G. Rygg wirkt bald ein Jahr nach diesem ersten Konzert noch erstaunt darüber, dass Ulver den Weg auf die Bühne tatsächlich gefunden haben. Auch aus diesem Grund steht die Tour, die ihn und seine Band im Februar durch 20 europäische Städte führen wird, unter dem Motto „What happened to us here?“ Immerhin: 15 Jahre lang haben der Sänger und seine drei Weggefährten jedes Angebot eines Konzertveranstalters konsequent abgelehnt, meistens ohne überhaupt einen Blick auf die Konditionen zu werfen. Worin Marketing-Strategen Züge einer künstlichen Verknappung erkennen würden, die Ulver besonders begehrenswert macht, das gehört für den 33-Jährigen zur bewussten ästhetischen Unterwanderung des Mainstreams: Das Publikum verlangt eingängige Stücke? Die Kollegen behaupten, nur mit Konzerten ließe sich noch Geld verdienen? Die Presse springt vor allem auf ein sorgfältig getrimmtes Image an? Und wenn schon! „Bei uns kommt die Idee an erster Stelle“, betont Rygg.
Mit dieser Haltung haben es Ulver zu einem Œuvre gebracht, in dem es nur radikale künstlerische Häutungen gibt. Zwar bilden ihre ersten drei Veröffentlichungen eine inhaltliche Einheit über die mythische norwegische Anderswelt, über die Nachtseite der Natur. Musikalisch aber bestellen Ulver schon hier das weite Feld zwischen extremen Heavy-Metal-Elementen und nordischer Folklore, zwischen fragilen, von Akustikgitarre und Cello getragenen Melodien und bis zur Kakophonie verdichteten Walls of Sound.

Ohne Gegensätze, hat William Blake in seiner „Hochzeit von Himmel und Hölle“ geschrieben, ist kein Fortschritt möglich. „Bei Blake haben wir den philosophischen Überbau für das gefunden, was intuitiv stets unser Weg gewesen ist“, begründet Rygg die Entscheidung, das Hauptwerk des englischen Dichters zu vertonen. Die stilistische Bandbreite des Textes finden sich in ihrer Musik wieder: Konventionelle Songsstrukturen existieren nur noch in Bruchstücken und werden von Jazz-, TripHop- und Ambient-Improvisationen durchzogen. Jede neue Veröffentlichung, heißt es dazu auf der „Metamorphosis“-EP programmatisch, sei nur ein weiteres Sprungbrett, niemals ein Abschluss.
Weiter konnte es in dieser Richtung also nicht gehen. Tatsächlich werden ihre Sprünge gewaltiger. Was Rygg lapidar als Ulvers Sprachkrise beschreibt, ist ihr beinahe vollständiges Verstummen, diesmal mit Rekurs auf Samuel Beckett: Worte, meint der, seien für Stille wie ein hässlicher Makel. Vier Jahre lang beschäftigen sie sich auf streng limitierten Kleinformaten, einigen Soundtracks und einem vom norwegischen Kultusministerium finanziell geförderten Album mit der Stille und reduzieren ihre Musik so weit, bis kaum mehr von ihr übrig bleibt als düstere Klangcollagen und sich karg über dem Nichts wölbende Melodiefragmente. Gesang haben sie alleine dem Stück „Nowhere/Catastrophe“ aus dem „Perdition City“-Album gelassen, das einen Blick hinter die glitzernden Fassaden der Großstadt wirft – und dort Menschen findet, die jeder Individualität beraubt sind und nur mehr existieren.
Die Rückkehr aus diesem Abgrund nennen sie passenderweise „Blood Inside“. Und dessen dunkel-schillernder Pop deutet in „For the Love of God“ oder „Christmas“ bereits auf Ulvers nächste Verwandlung voraus. „Religiöse Kunst hat für uns immer schon eine Rolle gespielt“, sagt Rygg über „Shadows of the Sun“. Und weiter: „Arvo Pärt ist ein großer Einfluss“. Von einem der Kammermusik verwandten Fundament aus entwickeln sie sakrale Musik neu, arbeiten mit Thermin, arrangieren um das elegisch aufspielende Streicherensemble Beats und Loops und schicken den Gesang mitunter durch elektronische Apparate, um ihn zu verfremden.
Wie aber lassen sich diese verschiedenen Stränge an nur einem Konzertabend zusammenführen? Indem Ulver als Musiker wie immer hinter ihrer Idee zurücktreten. Indem sie an Kraftwerk oder Massive Attack gemahnende Dia-, Video- und Lichtinstallationen dem Abend eine Form geben lassen. Und indem sie alle atmosphärischen Brüche ausdrücklich forcieren. Denn ohne Gegensätze ist kein Fortschritt: „Das damals in Lillehammer war kein Konzert, sondern eine Zeremonie“, erzählt Sæterbakken begeistert. „Ulver bringen live alle ihre Extreme zusammen: Licht und Dunkelheit, Stille und Lärm, Chaos und strikte harmonische Ordnung.“ Am 8. Februar wird an der Berliner Volksbühne zu erleben sein, welche Magie dabei entstehen kann.
Erstveröffentlichung: Rheinischer Merkur Nr. 5