Der Summer-Breeze-Auftritt, notiert Evíga für die erst 2009 erschienene „Nachtreisen“-Box, sei der angemessene Abschluss der ersten Dekade seiner Formation. Ob es an diesem Abend, ob es bei diesem Konzert im Sommer 2007 war, als „Flammentriebe“ seine ersten Funken schlug? Hatte, frei nach Darkthrone, der südliche Himmel Feuer gefangen? Evíga lächelt beinahe nachsichtig: Er ahnt wohl, was ihm und seiner Band bevorsteht mit diesem siebten Album, das (musikalisch) stärker als alle vorangegangenen in der Black-Metal-Tradition fußt. Man wird es aufatmend oder achselzuckend als Fortführung von „Her von welken Nächten“ hören, wird es als mystisch, als archaisch, als erhaben beschreiben, ohne dabei auch nur anzudeuten, was diese Attribute eigentlich meinen. „Ich bin der Überzeugung, dass Black Metal – heute mehr denn je – das Potential besitzt, das Umfassende und letztlich Geheimnisvolle des Seins anzudeuten und erfahrbar zu machen, indem es (scheinbare) Gegensätze des Lebens auf einer künstlerischen Ebene vereint“, definiert der Sänger, Gitarrist und Texter gelassen. „Black Metal, der eine stark physische, greifbare Intensität mit einer gedanklichen und emotionalen Tiefe verbindet, kann zu einer nicht nur bewegenden, sondern auch erschütternden und letztlich befreienden und beglückenden Erfahrung werden.“ Für Dogmatiker mag darin eine enorme Sprengkraft stecken, weil Black Metal so von jeder von vornherein festgelegten musikalischen Form befreit ist. DORNENREICH dagegen hat diese Haltung stets befeuert, über eigene Grenzen zu gehen: Black Metal haben sie verstanden als sehr expressives, dynamisches, wuchtig ausgestaltetes Suchen und Sehnen, als atmosphärisch dichtes Kondensat nur weniger angedeuteter Melodien, als episch-irrlichternde Reise und zuletzt als nur von akustischen Instrumenten begleitete Meditation. Ein Sakrileg in Zeiten, in denen Black-Metal-Musiker ihr Anderssein noch immer durch Nietenarmbänder, Corpsepaint und die Glorifizierung irgendeiner bösen Entität kundtun müssen? „Tatsächlich fußt auch auf unserem neuen Album vieles in einem Traktat, in dem ich vor vielen Jahren für das Mörkeskye-Fanzine die Möglichkeiten und Wesenszüge beschrieben haben, die Black Metal für mich künstlerisch relevant erscheinen lassen“, grenzt Evíga sich ab. „Insbesondere die in dem Text angeführte „Innewerdung der Schönheit durch das Durchleben des Dunklen“ wird in „Flammentriebe“ vollzogen.“ Eine neue Stufe also für die Österreicher, wie immer. Ohne Aderlass wird sie nicht zu erreichen gewesen sein: Ihr künstlerisch so ertragreicher Weg war menschlich mitunter eine Berg- und Talfahrt, auf der sie fünf Jahre lang wie besessen an „Hexenwind“ gefeilt und Musik mit bemerkenswerter Akribie live eingespielt haben.
Und diesmal? Evíga hört in dem Album das gesamte Spektrum von verzweifelnd wütender, bis hin zu tiefer, einender Liebe. Markus Stock, der in seiner Klangschmiede Studio E „Flammentriebe“ so ausbalanciert hat, das das Eigenwillig-Andeutungsvolle von „Hexenwind“ und das Tobend-Dynamische von „Her von welken Nächten“ gleichermaßen erhalten geblieben ist, wird dankbar gewesen sein, dass die Aufnahmen trotzdem nicht aus dem Ruder gelaufen sind und sich über vergleichsweise wenige Sessions im Juli, August und September erstreckt haben. „Zum ersten Mal seit „Her von welken Nächten“ haben wir uns für „Flammentriebe“ wieder streng daran gehalten, das Album innerhalb der von uns festgelegten Studiozeit abzuschließen – und es damit loszulassen, freizugeben“, bestätigt Evíga. „Man könnte natürlich immer, immer weiter an allem arbeiten, wie wir das bei unseren letzten drei Alben taten. Aber es hat uns dieses Mal sehr gut getan, innerhalb eines klar definierten zeitlichen Rahmens das Beste aus uns herauszuholen.“ Oberflächlich betrachtet ist dabei ein sehr gereiftes, sehr homogenes Black-Metal-Album entstanden, dessen acht Stücke – der Titel legt es ja nahe! – brennen und lodern, permanent unter Hochspannung stehen. Das liegt nicht in erster Linie an den Schreien, die im treibenden, rhythmisch-einprägsamen, von der Struktur her an ‚Schwarz schaut tiefsten Lichterglanz‘ erinnernde ‚Wolfpuls‘ noch dämonischer als auf „Her von welken Nächten“ geraten sind, sondern an eben dem, was an kaum wirklich Hörbarem durch die Musik weht – siehe „Hexenwind“. Über ‚Flammenmensch‘, dessen entfesselte Kraft ein Novum im Schaffen DORNENREICHS ist, spannen sich so geflügelte Schatten, die unweigerlich an die im fundamentalen klanglichen Chaos meisterhaft arrangierenden Deathspell Omega denken lassen. Hier wie dort interessiert nicht, welches Instrument, welchen Anteil am Ergebnis hat: Klingt da eine mal geisterhafte, mal Harmonie stiftende Geige, hat da ein Schlagzeug sich von der Leine gerissen hat, sind da E-Gitarren zu einem Wall of Sound übereinander geschichtet? „Wie auf allen DORNENREICH-Alben seit „Her von welken Nächten“ habe ich auch bei diesem Album die Basis der Stücke vorgegeben. Allerdings haben wir drei schon sehr früh im Entstehungsprozess damit begonnen, einander zuzuarbeiten, um die Stärken jedes Instruments im Rahmen eines schlüssigen Albums zu vereinen.“
Das hat so überzeugend funktioniert, dass man versucht ist, auch „Flammentriebe“ als eine Vertiefung zu hören, als Frucht all jener musikalischen und inhaltlichen Elemente, die DORNENREICH in den letzten Jahren als Black Metal interpretiert haben. „Es ist Zeit / Es erweckt / Der Kreis / Die Kraft“, heißt es dazu beinahe programmatisch in ‚In allem Weben‘, dem epischsten, dramatischsten Stück des Albums, das sich auf „Flammentriebe“ gleichsam von der Dunkelheit abzuwenden beginnt und in ‚Erst deine Träne löscht den Brand‘, einem neun ‚Mein Publikum – Der Augenblick‘, einen harmonischen Ausklang findet. „Nach der Veröffentlichung von „In Luft geritzt“ hatte ich das Gefühl, dass es nach einem rein akustischen Album sehr reizvoll sein würde, ein Album wie „Flammentriebe“ zu verwirklichen, weil man die Metal-Instrumentierung als Hörer nun auch wieder frischer, mehrdimensionaler und schlicht anders wahrnimmt, als es der Fall gewesen wäre, wenn es „In Luft geritzt“ nicht gegeben hätte“, erläutert Evíga, der schon während der Arbeiten an den akustischen Stücken immer wieder auch zur E-Gitarrre gegriffen hat. „Erneut verdichtet sich Wesentliches des Albums im Titel. Die Musik klingt über weite Strecken flammend und auf eine dunkle, verhängnisvolle Weise getrieben, wenngleich die Gegensätzlichkeit, die zwischen dem ersten und dem letzten Stück des Albums besteht, dem gesamten Album eine profunde Harmonie verleiht. In der Zweideutigkeit des Wortes „Trieb“ ist all das in einer Silbe konzentriert. Der Leitgedanke des Albums ist der, dass es zwischen dem Trieb einer Pflanze, der natürliches und in gewissem Sinne gesundes Werden repräsentiert, und dem menschlichen Lebens- beziehungsweise Todestrieb, der weltweit immer verzehrender wird, eine Kluft gibt. So werden aus Menschen die in vielen Texten erwähnten Flammenmenschen, die das Wärmende des Feuers, der Leidenschaften, des Lebens immer öfter ins Zerstörende kippen lassen – und die darin geblendet verweilen. Dadurch wird der Kreis des Blühens und Welkens dieser Erde, deren Teil wir alle sind, von Flammenmenschen nicht mehr geschlossen.“

Erstveröffentlichung bei: legacy.de